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Mitte 2012 bin ich einem Aufruf „Lese-Lehrer gesucht“ in unserer regionalen Zeitung gefolgt.  Mit meinem ersten Schüler (28 Jahre) begann ich im März 2014 im Einzelunterricht. Er besuchte wegen diverser Umzüge verschiedene Schulen bzw. Förderschulen, kannte keinen einzigen Buchstaben und ist somit im Grunde genommen der „perfekte“ funktionale Analphabet.

 

Unter Freunden und Kollegen erfährt er aufgrund seines Unvermögens immer wieder sarkastische und ironische Anfeindungen. Dies fördert natürlich Misstrauen und seine Verlorenheit in seinem Umfeld. Neben seiner Familie, in die er gut eingebettet ist, erfährt er nur von mir eine gewisse Wertschätzung. Er fühlt sich aufgewertet, weil er einen Einzelunterricht bekommt – ich unterrichte ihn ganz alleine. Für ihn eigentlich gar nicht nachvollziehbar.

Ein weiteres Einsatzgebiet von mir als Dozentin ist ein Family-Literacy-Kurs – Deutsch für Erwachsene, einmal wöchentlich, mit Teilnehmern aus 11 Nationalitäten, d. h. 15 Erwachsene und  11 Kinder. Reflexion ist ein ganz wesentlicher Punkt in dieser Art von Unterricht. Es werden Erfahrungen und Informationen ausgetauscht, es wird diskutiert über Arbeit, Hobbys, Gewohnheiten. Wir beschäftigen uns dabei themenbezogen intensiv gemeinsam mit Lauten, Buchstaben, Worten, Silben, Sätzen, Texten, Reimen, Anlautspielen, Gedichten usw.

Meine Rolle als Dozentin sehe ich als wichtigen Beitrag zur Alphabetisierung und Grundbildung in unserem Land. Mich motivieren die Freude und die Aha-Erlebnisse meiner Schüler genauso wie ihre dankbaren Blicke. Diese Position wird allerdings in der Öffentlichkeit nur sehr gering geschätzt.